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MORITZ zum Thema OB-Wahl


Rainer Mutke lebt seit 15 Jahren in der Hansestadt und ist Vizebürgerschaftspräsident sowie Vorsitzender des Wirtschaftsausschusses. Geboren wurde der 52-Jährige in der Nähe von Koblenz. 1994 trat er der SPD bei und ist seit 2004 in der Greifswalder Bürgerschaft. Mutke ist geschäftsführender Inhaber des MV-Verlag, GF der Nordic GmbH und darüber hinaus in zahlreichen Gremien aktiv. So unter anderen als stellvertretender Aufsichtsratvorsitzender der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Service GmbH, Präsidiumsmitglied der WVG und Vorstandsmitglied des Unternehmerverbandes Vorpommern.

moritz: Die SPD hat ihren Kandidaten relativ spät bekannt gegeben. Fühlen Sie sich nicht als erste Wahl?

Rainer Mutke: Nun, vor sieben Jahren ist der damalige Landtagspräsident Hinrich Kuessner für die SPD angetreten und in der Stichwahl denkbar knapp gescheitert. Ich habe mich für die Kandidatur entschieden und werde mein Bestes geben, diesmal möglicherweise eine Überraschung zu schaffen. Im Übrigen wurde z.B. von der Links-Partei noch kein Kandidat benannt.

moritz: Wo sehen Sie Defizite in der Stadt?

Mutke: Greifswald hat insgesamt viele Fortschritte gemacht, die ihre Ursachen in der prächtigen Entwicklung der Universität, dem Engagement einiger Unternehmer und dem positiven Gesamttrend haben. Ein Schwerpunkt für mich ist der Tourismus, denn in diesem Bereich ist einfach noch viel mehr möglich. Dazu brauchen wir verbesserte weiche Standortfaktoren – Greifswaldern und Touristen sollte mehr direkter Zugang zum offenen Wasser möglich gemacht werden. Daher spreche ich mich für eine touristische Nutzung des Hafenareals in Ladebow aus. Dieser wird momentan als Umschlagsplatz genutzt. Wir müssen in der Breite mehr Freizeitangebote in der Stadt schaffen. Von maritimen wie Kajakverleih und Wasserski bis zu attraktiven Skater- oder Radstrecken u.v.m.

moritz: Ist so ein Projekt überhaupt finanzierbar?

Mutke: Bisher wurden über 16 Millionen Fördergelder größtenteils mit Zweckbindung in den Industriehafen investiert. Ziel war es, damit unter dem Strich wirtschaftlich schwarze Zahlen zu erreichen – dies wurde nicht erzielt. Wenn nun die Fördermittel nicht gänzlich fehlinvestiert wären, sondern in eine touristische Nutzung umgewidmet würden, könnte über Rückzahlungsmodalitäten etc. sicherlich seriös diskutiert werden.

moritz: Wie wollen Sie noch mehr mittelständige Unternehmen in den Norden locken?

Mutke: Wir müssen Greifswald zu einer Stadt mit Alleinstellungsmerkmalen entwickeln. Dazu muss die Verwaltung/Bürgerschaft Schwerpunkte erarbeiten. Momentan gibt es leider Beschlussrichtungen, die besagen, dass in Ladebow ein Raps-Diesel-Kraftwerk entstehen soll. Dabei ist Raps als Rohstoff heute ökologisch hintere Wahl, zumal er noch aus der Ukraine und anderen entfernten Anbaugebieten angefahren werden muss. Bevor wir gezielt an z.B. touristisch orientierte Investoren herantreten können, müssen solche Beschlüsse aufgehoben werden. Ein anderer wichtiger Punkt ist die bereits erwähnte Verbesserung der so genannten weichen Standortfaktoren wie des kulturellen oder des Einkaufangebots.

moritz: Welche Rolle spielt die Universität als Attraktivitätsmerkmal der Stadt?

Mutke: Hauptsächlich steht und fällt Greifswalds Außenwirkung und Image mit der Reputation der Universität. Daher muss die Volluniversität unbedingt erhalten bleiben, was wiederum davon abhängt wie das Land zur Bildung steht. Ich sehe Hochschule, Stadt und Tourismus als Einheit. Professoren bringen meist ihre Familie mit. Diese muss sich hier wohlfühlen. Dazu können Job-, Freizeit- und kulturelle Angebote wesentlich beitragen. Auch könnte die Wirtschaft selbst verstärkt nach Absolventen oder Praktikanten anfragen, um Synergien wirksam werden zu lassen. Das bedeutet, dass Universität, Wirtschaft und Stadt verstärkt miteinander kooperieren sollten. Wir brauchen eine Stärken-Analyse, um zu klären, was die Partner jeweils können und besitzen. Beispielsweise können der Kunstbesitz und die Sammlungen der Uni mit angeführt werden, wenn die Stadt Außen-Marketing für sich macht.

moritz: Sollen mehr Studenten kommen? Kann die Stadt noch mehr Einwohner unterbringen?

Mutke: Die Entwicklung der Studentenzahlen halte ich für durchgängig positiv. Als Chef der Verwaltung kann ich Rahmenbedingungen schaffen. Es sollte auch möglich sein, jedem Studenten für eine anfängliche Übergangszeit eine Bleibe in den vielen leer stehenden Gebäuden zu überlassen. Der erste Schritt in der Wohnungsproblematik wäre, sich ein Bild über den aktuellen Leerstand zu machen. Wir haben einen Rückbau, aber auch eine partiell steigende Nachfrage. Dadurch steigen die Preise und dem müsste entgegen gesteuert werden. Möglicherweise sollte auch erneut über die Schaffung eines effizienten Stadtkonzerns nachgedacht werden.

moritz: Welche Bedeutung kommt der Verwaltung zu?

Mutke: Die Verwaltung trägt für das Wohl einer Stadt große Verantwortung. Sie sollte motiviert und leistungsfähig sein. Wir haben bei den Personalkosten immer noch einen Handlungsbedarf. Was wir brauchen ist ein Personalentwicklungskonzept. Es gibt Bereiche, die optimiert werden können. Fraglich ist, ob wir ein Immobilienverwaltungsamt mit zahlreichen Mitarbeitern benötigen, obwohl es mittlerweile kaum noch Immobilien zu verkaufen gibt. Aber Verwaltungsstellen müssen nicht nur Geld kosten, es können auch Erträge bzw. Einnahmen erzielt werden, eben diese Möglichkeiten müssen ausgeschöpft werden.

moritz: Sie sind als Inhaber des MV-Verlags selbst Medienmacher. Ihr Verlag produziert neben Büchern auch das Vorpommern-Magazin. Wie ausgeprägt ist der Medienpluralismus in der Stadt?

Mutke: Eine objektive, ausgewogene Berichterstattung findet kaum statt. Wir haben eine dominierende Tageszeitung, die quasi den alleinigen Marktanteil an dem Produkt Tagesjournalismus abdeckt. Zudem sind einige Mitarbeiter der Lokalredaktion journalistisch nicht wirklich objektiv, eher tendenziell gefärbt, so dass die eigentliche Intention der Faktenberichterstattung durch einen persönlichen Kommentar ersetzt wird. Diese Tendenz wird auch bei der Selektion abgedruckter Leserbriefe sehr deutlich. Ethische Grundzüge des Tagesjournalismus bedürften dort dringend einer Auffrischung. Periodische Magazine etc. können jedoch als Nischenprodukte immerhin einen Anteil zur Meinungsvielfalt leisten.

Das Gespräch führten Björn Buß und Maria Trixa.